Kybernetik - was ist das?Kybernetik

Eine verständliche Einführung

Ein künstlicher Mensch

Der Mensch schuf den Computer sich zum Bilde, zum Bild des Menschen schuf er ihn.
Da besteht kein Zweifel: In seiner Grundkonzeption ist jeder Elektronenrechner ein künstlicher Mensch. Seine logische Struktur ist die des homo sapiens. Deshalb erscheint der Computer uns ja - wie wir schon sagten - als das ideale kybernetische Universalmodell: weil er alles das, was wir uns in unseren Köpfen vorstellen können (wovon wir uns also ein Phantasiemodell machen), als logisches Modell in seinen elektronischen Gehirnzellen nachbilden kann.
Und möglicherweise könnte er noch viel mehr, wenn wir nur erst so weit wären, daß wir uns vorstellen könnten, was er alles können könnte. Denn er, der Computer, lebt ja von unseren Befehlen und Anregungen, und seine Möglichkeiten finden ihre Grenze an unseren beschränkten Fähigkeiten. Kein Elektronenrechner ist bis jetzt gescheiter als sein Programmierer.
Aber schneller ist er. Und seine Begabung zur Schnellarbeit ist ein zweiter Grund, warum er uns als das kybernetische Idealmodell gilt. Ein moderner Computer nimmt in einer einzigen Sekunde so um die 5000 Informationseinheiten auf, wo es der Mensch - bewußt - gerade auf 20 oder 30 bringt. In einer Hundertstelsekunde addiert der Elektronenrechner an die 6000 zehnstellige Zahlen, und sein Gedächtnis - sein Speicherraum - ist fast unbegrenzt.
Sein Arbeitstempo befähigt ihn, sekundenschnell ablaufende hochkomplizierte chemische Vorgänge in allen Details zu erfassen, zu registrieren und nach einem ihm vorher vom Chemiker in aller Gemütsruhe vorgezeichneten Programm blitzschnell zu steuern. Die Vielzahl seiner Schalt- und Speichermöglichkeiten erlaubt ihm, beim Flug einer Mondrakete tausend Fakten gleichzeitig aufzunehmen, mit hunderttausend anderen Tatbeständen zu vergleichen und im selben Sekundenbruchteil die daraus resultierenden Steuerbefehle ins All zu schicken, Moderne Großrechenanlagen sind so tüchtig, daß sie - wenn sie gerade einmal keinen Mammutauftrag zu bewältigen haben - ein halbes Dutzend kleinerer Geschäftsvorgänge aus ihrem Auftragskörbchen holen und gleichzeitig bearbeiten.
Der Computer gibt dem Menschen zum erstenmal die Möglichkeit, hochkomplexe Vorgänge, "große Systeme", zu beherrschen. Das Dumme beim Menschen ist ja, daß sein Kopf verhältnismäßig langsam und auch sein Gedächtnis nicht vom Besten ist. Das begrenzt die menschlichen Geistesfähigkeiten in so hohem Maß, daß eigentlich jedermann darüber in Tränen ausbrechen müßte - wenn ihm nur noch ein Plätzchen im Gehirn geblieben wäre, um über diesen beklagenswerten Tatbestand nachzudenken.
Ist Ihnen klar, daß es keinem Menschen möglich ist, ein gutes Fußballspiel in allen Einzelheiten zu erleben? Das Auge könnte die durcheinanderquirlenden Bewegungen der 22 Spieler ja noch verfolgen; der Geist kann es nicht mehr. So beschränkt man sich darauf, seine Aufmerksamkeit dort hinzukonzentrieren, wo gerade vier oder fünf Spieler mit dem Ball beschäftigt sind. Die schönsten Kombinationen, die gleich daneben vorbereitet werden, entgehen einem dabei völlig.
Haben Sie noch, nie davon gehört, eine welch unsichere Sache Zeugenaussagen bei einem Verkehrsunfall sind? Das hängt nicht nur damit zusammen, daß die Beobachtungsgabe der meisten Menschen mangelhaft und ihr Gedächtnis unzuverlässig ist. Das hat seinen Grund zum Teil auch darin, daß des Menschen Kopf in der kurzen Zeit, die zur Verfügung steht, nur einen kleinen Teil der Geschehnisse wirklich zu erfassen vermag. (Daß die menschliche Phantasie dann die fehlenden Stücke nach eigenem Gutdünken und, ohne böse Absicht zu ergänzen pflegt, steht auf einem anderen Blatt.)

Kybernetik

Für die Bewältigung wirklich umfassender, vielfältiger Aufgaben ist des Menschen Geist also nicht gerade glänzend ausgestattet. Mancher Fabrikdirektor oder Industriekapitän früherer Generation hat das schmerzlich am eigenen Hab und Gut erfahren, wenn es ihm einfach nicht mehr möglich war, in kritischen Zeiten die zahllosen Informationen, deren Kenntnis für eine kluge Geschäftspolitik unbedingt wichtig gewesen wäre, rechtzeitig zu sichten und zu verarbeiten. Geniale Köpfe konnten dann - zuweilen - noch auf ihre Intuition bauen; weniger geniale Typen mußten sich auf ihr Glück verlassen (was oft dasselbe war).
Hier ist ein Computer haushoch überlegen, selbst der kleinste. Und ein großer erweist sich als wahrer Gigant. Ihm macht es nichts aus, sich auch mit sehr großen Systemen einzulassen. Ein solch großes System einfachster Art wäre zum Beispiel eine wissenschaftliche Stichwortbibliothek. Monatlich erscheinen auf der ganzen Welt Tausende von wissenschaftlichen Zeitschriften mit Zehntausenden interessanter Artikel. Der Gelehrte, der sich über die Neuerscheinungen auf seinem Gebiet informieren will, sieht sich der Flut des zu sichtenden Materials völlig hilflos gegenüber. Er kann sich nicht mehr hindurchfinden; selbst ein Gelehrtenteam könnte es nicht, solange man nicht menschliche Gehirne zusammenkoppeln kann wie Dieselaggregate. Es bedarf hier einfach eines umfangreicheren und schnelleren Gehirns: Der Elektronenrechner, dem die Zeitschriftenredaktionen zu jeder ihrer Ausgaben ein Stichwortverzeichnis zusenden, kann die Schlagwörter rubrizieren, einordnen und auf Abruf die betreffenden Veröffentlichungen nennen. (Übrigens phantasieren wir jetzt; ein solches System gibt es noch nicht, obwohl es von einigen zehntausend Wissenschaftlern dringend erwartet wird.)

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